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Hundewelpe mit Katze

Welpenentwicklung

Im Jahr 1965 veröffentlichten John Scott und John Fuller ihre berühmte Studie „Genetics and the social behaviour of dogs“. Über fast ein Jahrzehnt lang hatten sie zuvor die Entwicklung von insgesamt 470 Welpen der Rassen Barsenji, Beagle, American Cocker Spaniel, Sheltie und Foxterrier beobachtet und genauestens dokumentiert. Auf der Grundlage ihrer Beobachtungen teilten sie die Welpenentwicklung (= Welpenontogenese) in verschiedene Phasen ein.
1. Die „neonatale Phase“ dauert von der Geburt bis ca. zum 14. Lebenstag. Eine schwerpunktmäßig vegetative Phase (Nahrungsaufnahme, Ausscheiden, Schlafen, Wachsen) in der relativ eng genetisch fixierte Prozesse ablaufen. Am Ende dieser Phase sind die Ohrkanäle und die Augen geöffnet und die Welpen können kurz und wackelig auf vier Pfoten stehen.
2. In der anschließenden „transitionalen Phase“ konsolidieren sich diese Entwicklungen. Die Welpen können optische und akustische Reize besser verarbeiten und werden in der Motorik geübter. Interaktion zwischen den Welpen nimmt zu. Zum Ende dieser Phase mit ca. dem 21. Lebenstag, können sie selbständig Harn und Kot absetzen, und dafür gezielt einen bestimmten Ort aufsuchen.
3. Die wichtigste Zeit im Leben eines Welpen kommt danach: die sogenannte „Sozialisierungsphase“. Hier wird der Grundstein für die spätere „Alltagstauglichkeit“ eines Hundes gelegt. In dieser Phase lernt der Welpe alles was er braucht um ein soziales Lebwesen im wahrsten Sinne des Wortes zu sein. Er lernt die Kommunikation zwischen Hunden und von Hund zu Mensch -  und er lernt seine Umwelt kennen um sich später darin möglichst angst- und stressfrei bewegen zu können. Dinge aus der unbelebten und der belebten Welt, die er jetzt nicht kennen lernt, werden in späteren Begegnungen Angst auslösen. Der Welpe lernt in dieser Phase auch ganz generell, mit Emotionen wie Angst oder Freude umzugehen und er übt seine Frustrationstoleranz ..... wenn er beim Züchter und später bei den neuen Besitzern die Möglichkeit hat vielfältige Erfahrungen nach seinem eigenen Tempo zu machen. Nach Scott und Fuller endet die Sozialisationsphase ca. mit der 12. bis 14. Lebenswoche; allgemeiner Konsens war lange, dass Defizite in diesen ersten drei Lebensmonaten später kaum bis gar nicht mehr ausgeglichen oder rückgängig gemacht werden können.

Wie in vielen anderen Bereichen der Ethologie haben auch hier wissenschaftliche Arbeiten der letzten 25 Jahre differenziertere Erkenntnisse gebracht. Grundsätzlich haben alle späteren Arbeiten die Einteilung von Scott und Fuller in die drei Phasen bestätigt. Ab der vierten Lebenswoche konnten allerdings bei verschiedenen Rassen unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Entwicklung sozialer Verhaltenselemente und Verhaltensmuster beobachtet werden. Border Collies oder Siberian Huskys scheinen z.B. gerade in der vierten und fünften Lebenswoche aktiver zu sein als Labrador und Golden Retriever oder Rhodesian Ridgebacks. Die gilt besonders für Spielverhalten und Verhalten aus dem Bereich der Agonistik (aggressive Kommunikation und offensiv aggressives Verhalten). Allerdings war bei einigen Studien auch erkennbar dass innerhalb einer Rasse zwischen einzelnen Würfen statistisch signifikante Unterschiede in der Entwicklung auftraten. Es scheint also nicht nur rassenspezifische sondern auch linien- oder familienspezifische Entwicklungsunterschiede zu geben. Wie genau die aussehen und wie sich diese Unterschiede eventuell im späteren Leben bemerkbar machen kann man zur Zeit noch nicht sagen. Hierzu müssen noch deutlich mehr Würfe untersucht werden.

Eigene Untersuchungen an der Rasse Rhodesian Ridgeback zeigten dass grade zwischen der siebten und achten Lebenswoche viele Verhaltenselemente aus den Bereichen der sozialen Annäherung und der Agonistik differenzierter und feiner gezeigt wurden. Ab jetzt konnte man bei den Welpen auch das Auftreten von Verhaltenselementen zur Deeskalation von Konflikten bzw. Verhalten zum Zeigen von Stresszuständen beobachten. Statusverhältnisse wie von Scott und Fuller für ihre Welpen postuliert, wurden allerdings über die gesamte Beobachtungszeit bis zur Abgabe der Welpen an die neuen Besitzer nicht etabliert. Da das Thema „Hierarchie, Status und Dominanz“ bei erwachsenen Hunden im Hund-Hund und Hund-Mensch-Kontakt zur Zeit grade eine intensive Diskussion erfährt, wird die Frage nach hierarchischen Strukturen bei Welpen sicher erst in einiger Zeit in der Forschung wieder aufgegriffen werden.

Nach wie vor ist die Frage interessant in wie weit sich aus dem Verhalten von Welpen in bestimmten Testsituationen Prognosen für den späteren Charakter und einen späteren Gebrauch stellen lassen. Neuere Untersuchungen zeigen dass es in einem gewissen engen Rahmen durchaus möglich ist, etwas über die Zukunft eines Hundes zu sagen. Wichtig bei derartigen Tests ist allerdings dass sie frei von „anthropomorphem Wunschdenken und anthropomorphen Interpretationen“ sind und für jeden Welpen exakt gleich und standardisiert durchgeführt werden.

Der Mensch hat bei seiner selektiven Zucht auf bestimmte Phänotypen und Verhaltensmerkmale neben den Entwicklungsgeschwindigkeiten auch Präge- bzw. Sozialisierungsfähigkeit an sich beeinflusst. Bei identischer Sozialisierung wird ein Welpe aus einer Herdenschutzhundrasse immer ein „engeres Weltbild“ entwickeln als z.B. ein Welpe einer Gebrauchshundrasse. Anderes herum formuliert: will man einen Herdenschutzhundwelpen genau so alltagstauglich für z.B. ein Stadtleben erziehen wie einen Gebrauchshundwelpen, muss man deutlich mehr Zeit, Energie und differenzierte Planung investieren. Fraglich ist, über welchen Zeitraum man sich derartige Gedanken machen muss? Heute geht man nicht mehr davon aus, dass die Sozialisierungsphase abrupt zwischen der 12.-14. Lebenswoche endet. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Gehirn flexibler und generell länger plastisch ist als man früher dachte.

Auch bei den früher sehr drastisch gegeneinander abgesetzten Begriffen „Prägung“ und „Sozialisierung“ sind die Grenzen verschwommen. Von einer Prägung im biologischen Sinne spricht man wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind: eine überschaubare/kleine Menge an Informationen (Signalen) bewirkt in einer relativ engen Zeitspanne (sensible bzw. sensitive Periode) relativ feste und lang anhaltende Effekte. Nichts anderes läuft auch in der sogenannten Sozialisierungsphase ab – wenngleich Zeitspanne sowie Qualität und Quantität an Umwelterfahrungen/Signalen sicher deutlich größer und variabler sind als z.B. bei der Nachlaufprägung von Entenküken oder der sexuellen Prägung von Zebrafinken. Aber schon beim Prägungsvorgang „Gesangslernen der Zebrafinken“ werden Zeiträume postuliert, die über Wochen hinausgehen und „Umlernen“ und „Verlernen“ von Gesangsmustern sind bekannt. Aus diesem Grund ist die frühere dogmatische Aussage, dass es sich bei der Sozialisierung von Hunden um keine Prägung handelt, sicher nicht mehr zu halten. Wahrscheinlicher ist dass eine Mischung aus Prägungsvorgängen (im engen biologischen Sinne) und prägungsähnlichen Vorgängen (mit größeren Zeitfenstern und mehr Variationsbreite bei den Signalen und den erlernten Verhaltensmustern) abläuft. Zusammengefasst kann man sagen, dass in dieser frühen Jugendphase beim Hund intensive Lernvorgänge stattfinden, die eine große Auswirkung auf späteres Verhalten und den generellen Charakter des Hundes haben. Sie haben keine absolut unwiderruflichen und unumkehrbare Folgen – sind aber beim „erwachsenen“ Gehirn nur noch langsam und mit viel Aufwand zu verändern oder zu löschen.

Wir können heute davon ausgehen dass die Sozialisierungsphase beim Welpen mindestens über die Welpenzeit (= bis zur 16. Lebenswoche) anhält und dabei langsam ausklingt. Dieses Wissen enthebt aber weder Züchter noch Welpenbesitzer davon, ihre Welpen möglichst frühzeitig zu sozialisieren und an die belebte und unbelebte Umwelt zu gewöhnen (Gewöhnung = Habituation). In der sogenannten primären Sozialisierungsphase bis ca. zur sechsten Lebenswoche brauchen die Welpen vielfältigen Kontakt zur Mutter und anderen erwachsenen Rudelgenossen und natürlich untereinander. Auch mit Menschen unterschiedlichster Erscheinung sollten Interaktionsmöglichkeiten gegeben sein. Ab der siebten Lebenswoche (Beginn der sekundären Sozialisierungsphase) sollte dieses „Programm“ durch Umwelterfahrungen im weitesten Sinne und zügig auch durch den Kontakt mit Hunden anderer Rassen ergänzt werden.

Die negativen Folgen mangelhafter Sozialisierung und Habituation sind durch zahlreiche Studien der letzten Jahre belegt. Hunde mit Defiziten in ihrer Sozialisierungsphase zeigen als erwachsene Tiere statistisch signifikant häufiger Aggressionsverhalten gegenüber fremden Menschen oder fremden Hunden sowie eine generelle Ängstlichkeit (unabhängig von der Rassenzugehörigkeit oder den aktuellen Lebensbedingungen). „Gut sozialisierte“ Welpen sind emotional stabiler, Stress- und Frustrationstoleranter. Abgesehen von dem Gefährdungspotenzial für Dritte, welches von schlecht sozialisierten Welpen ausgeht, bedeuten Defizite in der Sozialisierungsphase häufig auch tierschutzrelevante Lebensbedingungen für die Hunde. Ein permanentes Leben „in Angst“ bedeutet chronische Stresszustände mit allen negativen psychischen und gesundheitlichen Folgen; derart negativ auffällige Hunde sind quasi prädestiniert für Besitzerwechsel (Abgabe ins Tierheim) oder eine frühe Euthanasie. Zwangsstörungen wie die akrale Leckdermatitis treten bei depriviert aufgewachsenen Hunden im späteren Leben deutlich häufiger auf.

Einige Autoren forderten bei diesen Ergebnissen konsequenter Weise, Welpen schon ab der sechsten bis siebten LW an neue Besitzer abzugeben. Wenn diese allerdings nicht auf eine gute Sozialisierung achten, geht es den Hunden später auch nicht besser als wenn sie länger beim Züchter verblieben wären. Letztendlich kommt es immer drauf an welche sozialen Erfahrungen und Umwelterfahrungen die Welpen machen können. Manchen angehenden Besitzern fehlen eventuell Zeit und Möglichkeiten sich gerade um einen jungen Welpen intensiv zu kümmern. Hier wäre es sogar von Vorteil, wenn Welpen länger bei einem Züchter bleiben würden, der dann aber auch intensiv an einer guten Sozialisierung arbeiten muss.

Früher als „Modeerscheinung“ abgetan gehören Welpengruppen heute eher zum Standardprogramm für die Sozialisierungsphase. In den letzten Jahren mehren sich aber auch Stimmen die, teils sehr drastisch, vom Besuch von Welpengruppen abraten und meinen dass man das „früher“ schließlich auch nicht gebraucht hätte. Dabei wird verkannt dass unsere heutigen Hunde in einer anderen Gesellschaft leben als noch vor 20 Jahren. Das Leben ist enger geworden, es gibt mehr Reibungs- und Berührungspunkte zwischen Hundehaltern und nicht-Hundehaltern. Diese Tatsachen und nicht zuletzt die aktuelle Gesetzgebung stellen hohe Anforderungen an die soziale Verträglichkeit und die Alltagstauglichkeit von Hunden. Welpengruppen sind eine gute Möglichkeit, um Hunde in der Sozialisierungsphase vielfältige Erfahrungen machen zu lassen; parallel können die Besitzer über relevante Dinge informiert und geschult werden.
Man kann den Besuch von Welpengruppen andererseits aber auch übertreiben und insofern sollten solche warnenden Stimmen auch nicht überhört werden. Wissenschaftliche Untersuchungen über Wirkungen und „Nebenwirkungen“ von Welpengruppen fehlen bislang aber es gibt empirische Erfahrungen die zeigen, dass ein „Vielzuviel“ an „Beschäftigungsprogramm“ nicht gut ist. Die Welpen sollen beim Besuch einer Welpengruppe etwas lernen, aber nicht überfordert werden. Je nach Alter und Zusammensetzung der Gruppe ist es sinnvoll, eine Welpenstunde in die Teilgebiete Spielen, Erziehung und Umweltgewöhnung einzuteilen. Auch Phasen der Ruhe, also „verordnete Pausen“ sind sinnvoll und können dazu genutzt werden, Fragen der Besitzer zu beantworten. Ein „Zuviel“ an Dauer, Aktivitäten oder Reizangeboten sollte vermieden werden, denn Überforderung kann schnell zu Stress für die Welpen führen. Dies macht sich besonders da negativ bemerkbar, wo ein Welpe aus einer deprivierten Aufzucht kommt, also bis dato sehr wenig Umwelterfahrungen gemacht hatte. Solch ein Welpe wird dann plötzlich sehr vielen Reizen ausgesetzt, die er noch nicht kennt und zunächst als bedrohlich empfindet. Bei solchen Welpen findet dann durch die Stressbelastung unter Umständen eher eine so genannte Sensitivierung statt, d.h. der Hund wird zukünftig mit noch mehr Angst oder Unsicherheit auf bestimmte Situationen reagieren.

Eine Welpengruppe muss von einer fachlich versierten Person geführt werden die schon die Zusammensetzung der Gruppe und dem Ablauf auf die jeweils individuellen Bedürfnisse der kleinen Hunde abstellt. Sie darf nicht zu früh aber auch nicht zu spät in Konflikte eingreifen und das Eingreifen muss so wenig aversiv wie irgend möglich erfolgen. Der Besuch solcher fachlich gut geführten Welpengruppen ist sinnvoll und unterstützt die im Hinblick auf die jeweiligen Lebensumstände der Welpen optimale Sozialisierung und Erziehung.

Der Wechsel vom bekannten Zuhause (mit Wurfgeschwistern und Mama) zu ihren neuen Besitzern ist für Welpen sehr stressreich. Diskutiert wird zur Zeit in wie weit Pheromone (DAP = Dog Appeasing Pheromone) nützlich sein können um den Welpen diesen Umbruch etwas zu erleichtern. Erste Untersuchungen zeigen, dass der Einsatz solcher Pheromone für die Welpen nicht nur den Wechsel der Lebensbedingungen leichter machte. Gerade für ängstliche Welpen können sie in der Sozialisierungsphase eine sinnvolle Unterstützung sein und eine positive Entwicklung beschleunigen. Welpen mit einem DAP-Halsband näherten sich z.B. unbekannten Stimuli schneller und zeigten schneller entspanntes Verhalten als ohne Halsband.


Literaturauswahl:
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