Das Dilemma der Rangordnung
Leider sind viele Aussagen über die Themen „Rangordnung“ und „Hunde und Kinder“ veraltet. Oder sie geben ohne wissenschaftlichen Hintergrund wieder, wie Menschen sich den „idealen Familienhund“ wünschen. Einen Hund, der kinderlieb auf die Welt kommt, weil er einer bestimmten „kinderlieben“ Rasse angehört, gibt es nicht.
Um Problemen und Konfliktsituationen vorzubeugen, ist es also wichtig, sich vor Anschaffung eines Hundes u.a. über diese Themen gut zu informieren.
Für Hunde als soziale Tiere ist es selbstverständlich und wichtig im Rudel eine Hierarchie auszubilden. Zur Etablierung einer hierarchischen Struktur gehören immer zwei: einer ist höher (dominant) und der andere niedriger (subdominant). Dominanz oder Subdominanz sind dabei übrigens keine angeborenen Eigenschaften wie eine Augenfarbe oder Körpergröße. Ein bestimmter Rangunterschied zwischen zwei Hunden entwickelt sich im Zusammenleben über eine bestimmte Zeit. Der Rangniedrigere akzeptiert in entscheidenden Momenten den höheren Rang des anderen. Dies funktioniert gut zwischen Hunden, wenn sie die gleiche Sprache sprechen.
Die „Hundesprache“ muss übrigens jeder Welpe erst lernen. Sozialen Gesten wie Drohgebärden oder die Körpersprache der Unterwerfung sind dem Hund angeboren. Die Fähigkeit, diese bei Sozialpartnern zu erkennen und dann korrekt darauf zu antworten, muss erst erlernt werden. Dazu ist es notwendig, dass Welpen während der so genannten Sozialisationsphase (4. bis 12. Lebenswoche) ausreichend Kontakt zu anderen Hunden möglichst verschiedener Rassen haben.
Wenn Hunde eng mit Menschen zusammenleben, bilden sie auch mit diesen gewisse Hierarchien aus. Daraus können Probleme zwischen Mensch und Hund entstehen.
Bis vor kurzem ging man davon aus, dass Ergebnisse aus Beobachtungen von Wolfsrudeln auf Hundegruppen und auf das Zusammenleben Hund-Mensch übertragen werden können. Mittlerweile ist die vorherrschende wissenschaftliche Meinung, dass dies nicht so ohne weiteres möglich ist. Wolfrudel unterscheiden sich von Hundegruppen und die Mensch-Hund-Gemeinschaft unterscheidet sich von beiden. Zwar bilden sich zwischen Hunden und Menschen auch hierarchische Strukturen mit Rangunterschieden aus, aber eben mit anderen Schwerpunkten und auf andere Art und Weise.
Beim Etablieren einer hierarchischen Struktur geht es um den Zugang zu Ressourcen. Ressourcen sind wichtige „Güter“ wie Territorium, Futter, Sozialkontakt, Ruheplätze etc... Was bedeuten diese Dinge, wenn sie auf das Zusammenleben von Hunden und Menschen übertragen werden ? Für den Hund ändert sich grundsätzlich nichts, er wird genauso wie unter Seinesgleichen, versuchen eine möglichst hohe Statusposition einzunehmen und dabei die gleiche „Vorgehensweise“ wählen: Zugang zu Ressourcen sichern und darüber verfügen. Die Ressource „Sozialkontakt“, also Streicheln, Spielen und jede andere Form von Aufmerksamkeit spielen dabei eine besonders wichtige Rolle.
Ein Beispiel:
Der Hund wird täglich gestreichelt, man redet mit ihm und spielt mit ihm. Häufig macht man das unbewusst, ganz „nebenbei“. Gerade das „Streicheln“ ist ein schönes Beispiel dafür, dass Menschen und Hunde derselben Sache ganz unterschiedliche Bedeutung beimessen können und dies Auswirkung auf die hierarchische Struktur zwischen beiden haben kann. Wenn ein Hund zu seinem Besitzer kommt und gestreichelt werden will, macht er das niemals „nebenbei“. Für den Hund ist die Aufforderung zum Streicheln immer auch eine Anfrage an den Besitzer: ich möchte etwas von dir und wenn du darauf eingehst, signalisierst du mir, dass ich in genau diesem Moment einen höheren Status habe als du. Und der Besitzer, der seinen Hund streichelt, weil er ihn einfach mag, gibt ihm eigentlich zu verstehen: ja, du hast gerade jetzt einen hohen Status! Man kann sich also ausrechnen, wie häufig einem Hund nur durch beiläufiges Streicheln eine hohe Statusposition gewährt wird. Geschieht das regelmäßig über einen längeren Zeitraum, ist für den Hund die Sache klar: ich habe hier eine hohe Statusposition und das Anrecht auf viele wichtige Dinge. Das Beispiel „Streicheln“ kann in ähnlicher Weise auf viele Dinge im Zusammenleben von Hund und Mensch übertragen werden: Spielen, Spazierengehen, Füttern etc..
Wenn ein Wolf oder ein Hund eine bestimmte Statusposition gegenüber einem anderen Mitglied seiner Gemeinschaft hat, wird er diese Position durch „rangzeigende Gesten“ demonstrieren. Und zwar nicht ständig, sondern nur dann, wenn es nötig ist. Je klarer die Statusverhältnisse in einer Gemeinschaft sind, desto seltener ist dies der Fall.
Es gibt aber auch so genannte „ranganmaßende Gesten“. Diese werden von Individuen gezeigt, denen ein bestimmtes Verhalten innerhalb einer Zweierbeziehung eigentlich nicht zusteht, die aber ausprobieren wollen, wie weit sie einem Ranghöherem gegenüber gehen können. Der ranghöhere Hund hat in diesem Moment zwei Möglichkeiten zu reagieren:
Er kann den Anderen „auflaufen“ lassen, indem er dessen Verhalten schlichtweg ignoriert.
Oder er wehrt das Verhalten ab, wenn er es nicht dulden will: erst subtil als Verwarnung, dann deutlicher, wenn seine „Botschaft“ nicht ankommt.